TAGEBÜCHER

Lese-/ Hörprobe

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Die DGT’s werden im Stil der Lese-/ Hörprobe gehalten. Zum einen kann man sich den vollständigen Text durchlesen, zum anderen kann man ihn sich vorlesen lassen – mit ein par Soundeffekten und Musik. Die vertonte Variante ist nicht als Hörspiel, sondern als „Hörbuch mit kleinen Extras“ gedacht. Viel Spaß!

Das Besondere: Zu jedem DGT gibt es eine Abstimmung, deren Ergebnis den Verlauf der Geschichte beeinflusst.


Rein gar nichts von dem, was ich bei und an mir trage, hat es geschafft, trocken zu bleiben. Das Schlimmste sind allerdings die nassen Socken. Kaum sind sie am Feuer getrocknet, saugen sie sich wieder voll. Ich stelle fest, dass ich dringend neue Schuhe brauche, als mein Zeigefinger unterm Schuhprofil zu sehen ist, nachdem ich mit ihm von innen durch das Loch in der Sohle gefahren bin. Mir ist bitterkalt. Ich kann gar nicht aufhören zu zittern, wirklich warm werde ich auch nicht, durch das Häuflein Elend von Feuer. Damit ich nicht auch noch von oben nass werde, ziehe ich die große, dunkelgrüne Plastikplane wieder etwas enger um mich herum, binde das Nylonseil nochmal fest, stelle meinen Rucksack mit darunter und wische mir das eisige Regenwasser von der Stirn, von dem ich schon einen ganz fürchterlich-stechenden Kopfschmerz habe. Mein Magen knurrt. Ich werde mich mal etwas in meinem Rucksack umsehen. Nicht, dass ich nicht wüsste, was darin ist, es ist nur fast ein Ritual wie früher, als ich Hunger und Appetit hatte, zum Kühlschrank ging, schaute, was ich darin fand und doch nichts mitnahm. Das am besten zehn Mal hintereinander. Hunger hatte ich trotzdem. Aber es war nie drin, worauf mein Appetit mich einlud.

Ich öffne die beiden Knoten der Kordel und ziehe die Schnur weit auseinander. Wie ein kleines Kind, das in eine bunte Bonbontüte guckt, fällt mein Blick in diesen feuchten, leeren Sack. Ganz in der Hoffnung, dass doch irgendetwas von dem, worauf ich Appetit habe, darin wäre. Eine Tafel Schokolade wäre jetzt etwas Tolles, am besten mit einzelnen Haselnüssen, auf denen ich dann ganz lange kauen könnte. Im gleichen Moment gluckert und rebelliert mein Magen wieder. Meine Hand wühlt hin und her. Alles, was ich habe, sind noch drei abgelaufene Assietten mit Reis und Fleischbällchen, zwei Feldflaschen mit kaltem, klaren, abgekochten Wasser, einige schrumpelige, mit braunen Stellen übersäte Äpfel, diese lustige 2-in-1 Löffelgabel, mein Fernglas, die Landkarte mit dem kaputten Kompass, nur noch ein halbes Dutzend Kapseln gegen den Durchfall und etwas Munition für die Pistole, die ich gestern im Polizeirevier gefunden habe. Ach, ist ja auch egal – denke ich mir, als ich mir eine Assiette herausnehme, in der Hand halte und genau weiß, dass es mit den paar Flammen ewig dauern wird, bis das Essen warm ist. Also streife ich die Papierbanderole herunter und ziehe den Pappdeckel ab. Nach kurzem Herumstochern im Reis und auf dem bisschen Fleisch, nehme ich einen Happen und stelle mir vor, dass ich noch nie etwas Besseres gegessen habe. Fehlt nur noch ein lieblicher Rotwein. Würde mir das Geplitsche und Geplätscher der Regentropfen nicht so auf die Ketten gehen, wäre der Abend fast schon perfekt.

Noch bin ich nicht ganz gesund. Meine Mandeln sind schon seit Ewigkeiten trocken und geschwollen. Ich hatte keine Probleme, den Reis zu schlucken, aber beim ersten Bissen vom scharfen Fleisch, bekomme ich einen lauten Hustenanfall, der mir die Tränen in die Augen treibt. Darauf müsste ich direkt einen Schluck Wasser trinken, wenn da nicht gerade dieses entfernte Rascheln und Knacken im Unterholz gewesen wäre. Hätte ich nicht husten müssen, wäre leise geblieben und hätte mehr aufgepasst, säße ich hier noch allein. Schnell schmeiße ich Dreck und Moos auf das brennende Holz; hätte ich mir gleich denken können, dass ich mit dem Feuer jemanden anlocke. Die Dämmerung hat schon längst begonnen und so erkenne ich nicht gleich, wer oder was sich mir dort nähern will. Mein Herz fängt an zu rasen, das vorsichtige Getapse kommt immer näher. Ich reiße meine Augen auf, soweit ich nur kann, um jedes Restlicht aus der schnell einbrechenden Dunkelheit filtern zu können. Zentimeter für Zentimeter gleitet meine Hand hinunter zu meinem Gürtel, damit ich an das Pistolenholster komme und es öffnen kann. Jetzt bloß kein Geräusch machen, ich bin eigentlich gar nicht da. Ein leises Ploppen begleitet das Öffnen des Druckknopfs. Plötzlich – kein Mucks mehr zu hören. Nur noch das bescheuerte Trippeln dieses lästigen Regens. Schnell, wie bei einem kleinen Karnickel, wird meine Atmung. Mein Körper und ich bereiten sich auf das Schlimmste vor. Lass es bitte keinen von denen sein.

Ich drehe meinen Kopf langsam nach links, um mehr hinter dem Baumstamm zu erkennen. Böser Fehler, sofort setzt wieder das Kratzen im Hals ein. Wenn ich jetzt huste, weiß der wo ich bin und es ist aus. Die Pistole bereits im Anschlag, hole ich auf einmal unkontrolliert tiefer Luft und kann mein reflexbedingtes Räuspern nur noch schwer unterdrücken. Da ist es wieder, dieses Geräusch, als würde irgendwas mit ganz vielen Füßen durch das nasse Laub fegen und jeden Schritt mehr oder minder mit Absicht lauter werden lassen, nur um mich einzuschüchtern, um zu zeigen, dass er der Boss ist und nichts zu fürchten vermag. Es kommt immer näher. Ich habe riesige Angst, ich schließe einfach die Augen und hoffe, dass es schnell zu Ende geht. So fest kneife ich meine Augen zusammen, dass ich glaube, ich könnte eine Zitrone damit auspressen. Meine Lunge ist am Zerbersten vor Anspannung. Ein Gefühl, als poltert und klopft mein Herz gleich an meinen Rippen vorbei und schlägt durch meinen Brustkorb. Mir wird heiß und kalt. Ruckartig ein lautes Krachen. Ich zucke zusammen. – Das Echo des Schepperns verbreitet sich zwischen den Bäumen und hallt von Ast zu Ast, bis alles verstummt. Habe ich abgedrückt? Ist irgendwas explodiert? War das ein Donner? Wir haben doch gar kein Gewitter. Bin ich etwa tot?

Noch immer sitzt mir der ohrenbetäubende Knall in Mark und Knochen. Und wieder höre ich nichts. Gar nichts. Gar nichts hören, ist gar nicht gut. Besonders, wenn man nichts sieht. Einzig der Regen, der mich nicht in Ruhe lässt, rasselt weiter durch die Äste. Mein ganzer Körper verkrampft vor Angst um mein Leben, ich ziehe mich so stark zusammen, dass ich nur noch einen Meter groß wäre, stünde ich jetzt auf. Mein Kiefer schmerzt, so fest drücke ich meine Kauleisten zusammen, das alles nur, um mich von allem abzulenken und meine Konzentration nur auf mich und meine letzten Momente auf dieser Welt zu lenken. Keine Stöcke mehr, die zertreten werden. Kein Laub, das raschelt, seitdem es geknallt hat. Neben meinem Zähneknirschen nur ein schnelles, unheimliches, gruseliges Atmen, fast wie ein Hecheln, höre ich etwa 5 Meter neben mir, in der gleichen, schnellen Atemfrequenz, wie ich sie vorgebe. Ich will gar nicht wissen, was das ist, die 5 Meter sind gerade, wie die letzten 5 Sekunden meines Lebens. Es starrt mich an.

Dieser Gedanke zermartert mein Gehirn, irgendwas steht da draußen, guckt mich die ganze Zeit einfach nur an, atmet mir fast ins Ohr. Macht sich einen Witz daraus mich so leiden zu sehen. Kann es nicht erwarten mich zu holen. Komisch, dass ich draußen sage, ich bin so tief in meinen Körper versunken, dass alles andere ‚draußen‘ ist. Es muss mich schon die ganze Zeit gesehen haben, seit ich das erste Mal gehustet habe. Warum verstecke ich mich also noch?Unter der ekelhaftesten Gänsehaut, die ich je spürte, schlimmer noch als die, die man bekommt, wenn man Sonnenbrand hat, entscheide ich mich zu dem, was mir als letztes übrigbleibt. Ich sollte mich der Angst stellen, ihr ins Auge sehen und mi… AAH!, schreie ich mit tiefer Stimme lauthals auf und reiße meine Augen auf. Unerwartet wurde das schaurige Hecheln dieses Monsters zu einem abrupten, hellen Bellen. In Sekundenbruchteilen reiße ich die Arme hoch. Beide Hände an die Pistole gekrallt, drehe ich meinen Oberkörper nach links und ziele direkt über Kimme und Korn zwischen die Augen. Den Finger am Abzug – bereit zu feuern – auf ein mir bekanntes Gesicht.

Mein Herz rutscht mir in die Hose, meine Atmung fällt sofort in tiefere und langsamere Atemperioden, meine Waffe senkt sich, dank wackliger, angespannter und zitternder Arme, nur langsam nach unten. Unsere Blicke in der eisigen Dunkelheit gefangen, können wir nicht voneinander loslassen, als hätte jeder von uns mehr Angst, als der andere. Ein Regentropfen läuft seine schwarze Nase herab und fällt zu Boden. Er senkt den Kopf und winselt; der kleine dürre Hund, den ich gestern im Revier gesehen habe. Der Hund, dem ich mein letztes Stück Salami gab, muss mir, nach seiner sofortigen Flucht mit der Wurst, gefolgt sein.

Dicht kuschelt sich Krümel an mich heran. Den Namen gab ich ihm bereits gestern im Revier, als ich ihn noch weit entfernt, auf dem Gelände, auf Futtersuche sah. Abgemagert bis auf den letzten Knochen, nie gelernt zu jagen, gewohnt an den Menschen und seine Rituale, das Futter in den Napf gelegt zu bekommen, passte nichts besser als Krümel.. Verwunderlich, dass ich ihn alleine antraf. Alle Hunde, die ich bis jetzt erlebte, schlossen sich zu den interessantesten Rudeln zusammen, zum Beispiel wäre da der Schäferhund mit dem Boxer und dem Dackel. Oder die Dogge und der Jack Russel, gemeinsam mit dem Chihuahua und dem Pudel. Nur er, er zieht sein Ding für sich durch. Damit haben wir schon zwei Sachen gemeinsam. Das und eine Liebe für über offenem Feuer geröstete Salami. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie gut es tut, mal wieder Nähe von etwas Lebendigem zu spüren. Sicher geht es ihm ebenso. So wirklich gut kenne ich mich nicht mit Hunden aus, vor allem nicht mit kleinen Mischlingen, wie es Krümel wohl allem Anschein nach ist. Weder welcher Rasse er angehört, noch ob er alt oder jung ist, kann ich sagen. Darum geht es aber nicht, ich genieße den Moment, den wir beide haben. Ein Wunder, dass er bei diesem Wetter noch nicht erfroren ist. Das Nylonseil gelöst, ziehe ich ihn zu mir, lege die Plane über ihn und stelle ihm die Assiette mit dem Reis vor die Schnauze. Mit seiner langen Zunge leckt er mir, wie wild, das Gesicht. Ich lasse es über mich ergehen, zubeißen wird er schon nicht, er weiß genau, dass er von mir etwas zu Essen bekommt. Auch wenn er schlicht und einfach nur Hunger hat, wage ich mir einzubilden, dass er sich freut, endlich jemanden gefunden zu haben, der bei ihm ist.

Unter lautem Schmatzen macht er sich sofort über das Abendbrot her. Keine Minute später ist das Essen bis aufs letzte Reiskorn weggeschlabbert. Die Assiette für ein paar Minuten, mit Wasser gefüllt, auf das neu entfachte Feuer gestellt, schleckt er auch das warme Wasser schnell hinunter, legt im Anschluss seinen Kopf auf meinen Schoß und leckt noch einmal meine Hand. Ich kraule ihm den Nacken und den Kopf zwischen seinen Ohren. Angesichts der beinahe gemütlichen Stimmung, erinnere ich mich wieder an den Abend, der mich hierher brachte. Genau wie in meinen Albträumen, läuft jener Tag, wie ein Film im Zeitraffer, vor meinem geistigen Auge ab.

Anfangs lag ich stundenlang, ausnüchternder Weise, auf der großen Wiese, neben unserer Stadtrandsiedlung. Dank der sommerlichen Mittagssonne völlig durchgeschwitzt und kurz vor einem Sonnenstich. Oben drauf der Regen, der mich weckte. Mein Vater, der mich für ein paar Stunden besuchte und von der Sommerblüte und meiner Mutter erzählte. Das Abendbrot bei Moritz und diese unheimlichen Eruption, von der wir diese blau-roten Tränensäcke bekamen. Immer wieder sehe ich Moritz’ Gesicht und die bei ihm so ausgeprägten Augenringe vor mir. Wenn ich doch nur Jani nicht dort gelassen hätte. Kurz danach; dieser kilometermessende Brocken mit dem lila-pinken Schweif am Abendhimmel. Ein Asteroid oder was immer das war. Viel schlimmer sind diese beiden Kreaturen, die sich seither bekriegen, die Eine schlimmer als die Andere. Keine Ahnung wo sie herkommen. Ich weiß nur so viel; keine Waffe der Menschen und keine Macht auf dieser, uns bekannten Welt, kann sie aufhalten. Wir stehen dazwischen, können nur zusehen, wie alles zerstört wird und uns raushalten. Nur eins unterscheidet mich – und ein paar hundert Menschen – zu den anderen Überlebenden. Ich bin nicht in eine der Städte gegangen, um so zu tun, als liefe das Leben weiter und als wäre nichts geschehen. Ich blieb da wo ich wohnte, bis ich mich vertreiben ließ. Ich bin ständig auf der Flucht. Ich kämpfte und kämpfe um mein Leben. Ich tötete und ich schenkte Leben – um selbst zu überleben. Ich weiß nicht, ob ich morgen Früh aufwachen werde. Aber ich weiß, dass ich nicht aufgeben werde, bis ich herausfinde, was niemand weiß – wer Die sind und was sie vorhaben.

Meine flache Hand streichelt über Krümels glattes Fell, von Kopf bis Schwanz. Sichtlich genießt er diese Streicheleinheit. Doch ein lautes Krachen, wahrscheinlich eine Explosion, schreckt uns aus unseren ruhigen Minuten. Das hatte ich total vergessen. Selbiges Donnern ließ ihn und mich bereits vorhin erstarren, als ich dachte, ich hätte den Abzug betätigt. Nur ist es jetzt nicht mehr weit weg und kam sicher von der Hütte, hinter dem Hügel, hier im Wald. So schnell ich kann, packe ich alles in meinen Rucksack, rolle die Plane zusammen und binde sie an der Kordel fest. Hier trennen sich unsere Wege Krümel, sage ich dem kleinen Hündchen, als ich meine Pistole in meinem Holster verstaue. Wieder schaut er mich, wie im Polizeirevier, erwartungsvoll mit großen, treuen Augen an und macht brav „Sitz“. Ich nehme meine Beine in die Hand und laufe los, bloß weg von diesem Hügel und an einen vorerst sicheren Ort. Fünfzig Meter gerannt, drehe ich mich um und bin gezwungen stehenzubleiben. Krümel sitzt noch immer da, wedelt sein Schwänzchen hin und her und wartet artig auf mich. Mit der Angst um mein Leben, will ich weiter rennen und kann ihn doch nicht zurücklassen und denen ausliefern. Flüsternd rufe ich zu ihm, Kommst du jetzt her! Noch gar nicht fertig ausgesprochen, rennt er auf mich zu. Zu ihm gehockt, nehme ich ihn auf den Arm. Als mein Fokus sich auf den Hügel konzentriert, sehe ich, wie dieser Drei-Meter-Klotz eine seiner Flächen auf uns ausrichtet und farbenprächtig, mit voller Energie auflädt. Noch mit Krümel auf dem Arm, drücke ich meine Knie durch, drehe diesem Ding meinen Rücken zu und renne um mein Leben.

Soll Krümel im ersten DGT eine Rolle spielen?

JA

NEIN